Steven Goldner gegen Scientology
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Buchbesprechungen


Scientology im Management, Angelika Christ und Steven Goldner , ECON Verlag Düsseldorf 1996, 39,80 DM


Das Buch ist schon deswegen erfreulich, weil sich hier Fachleute aus der Wirtschaft über die Probleme der Wirtschaft mit extremen Psychogruppen äußern. Bisher befassten sich Sektenexperten der Kirchen, der staatlichen Verwaltungen und aus der Wissenschaft eher laienhaft mit diesem Problemfeld; dies nicht rein freiwillig (obwohl es Omnipotenz-Phantasien bei kirchlichen Funktionären geben soll), aufgrund der Berührungsängste gegenüber dem Sektenthema in der Wirtschaft.

Schon die Sprache verrät die Herkunft der Autoren. Sie verfassten, bei großem Sachwissen, keine akademische Abhandlung und keine Betroffenengeschichte, sondern eher ein Lehrbuch für die Fortbildung von leitenden Angestellten und Managern in Sektenfragen. Dabei steht Scientology im Vordergrund, aber keineswegs alleine, und die Gedankengänge werden stets auf die praktikable Maß- bzw. Vorsichtsmaßnahmen in den Betrieben hingesteuert. Angelika Christ ist Volkswirtin und Werbeexpertin eines großen Industrieverbandes, Steven Goldner (ihr Ehemann) ist Diplompsychologe und freiberuflicher Personalberater. Beide gehören der in Frankfurt (Main) arbeitenden Selbsthilfe-Organisation "SINUS e.V." an, die über die Gefahren von Sekten und Psychokulten informiert.

Angenehm ist auch der Verzicht auf Dramatisierungen und gefühlswirksame Empörung. Aus ihrer Ablehnung gegenüber totalitären Organisationen und manipulativen Psychotechniken machen die Autoren keinen Hehl, aber sie schätzen als Gegenmittel einen klaren Verstand höher ein als Angst und Abscheu. Im Abschnitt "Gehirnwäsche" wird demgemäss versucht, die Psychotechniken von Scientology, "Lifespring" und vergleichbaren Unternehmen zu entmystifizieren, indem sie mit bekannten Manipulationsmethoden, therapeutischen Maßnahmen usw. verglichen werden. Die Entzauberung der Kult-Dämonen gelingt, allerdings nicht ohne die grundsätzliche Manipulierbarkeit des modernen Individuums zu enthüllen und ohne dass das letzte Wort in Sachen Sekten-Faszination und Abhängigkeit damit gesprochen wäre. Weiter Kapitel untersuchen die Tauglichkeit der scientologischen Management-Methoden und ihre Auswirkungen auf derart geführte Firmen. Auch Scientology selbst wird als Firma unter die Lupe genommen, Sätze wie "Bei den Hauptumsatzträgern, Testing und Auditing, gibt es keinerlei erkennbaren Versuch, die Qualität festzulegen, geschweige denn, Konsequenzen zu ziehen" (S. 213f) sagen an sich nichts Neues. Aber sie sagen es anders als bisher, mit der Chance, andere Ohren zu erreichen. Führungskräfte der Wirtschaft dürften besonders aufmerken, wenn es darum geht, welche Anzeichen einen Sektenverdacht rechtfertigen, was zu tun ist, wenn ein unbegründeter Sektenverdacht einen selbst trifft usw.

Die zentrale These der Autoren lautet, dass sich die Gefahrenabwehr auf die Methoden der totalitären Organisationen stützen müsse. Diese seien relativ einheitlich und gut erkennbar, während die weltanschaulichen Ideengebäude, die Namen der Gruppen und Gurus ein weiteres und unübersichtliches Informationsfeld bilden, in dem sich nur wenige Spezialisten orientieren könnten. Diese These überzeugt, ihre praktische Anwendung setzt allerdings weitere Forschung und entsprechende Fortbildung von Führungskräften voraus. Aber einen Anfang haben Christ und Goldner gemacht.

Im Kapitel "Erlösung von den Erlösern" geht es den Autoren darüber hinaus um gesamtgesellschaftliche Strategien für den Umgang mit Sekten – ebenfalls ein noch lange nicht ausdiskutiertes Thema.

Fazit: Ein gutes und notwendiges Buch, dessen Erscheinen beweißt, dass totalitäre Gemeinschaften inzwischen leider in unserer pluralen, postmodernen Kultur zum Problem vieler geworden sind, das aber auch beweist, dass Gegenkräfte überall mobilisiert sind, nicht nur in den Kirchen und in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft. hemminger


Veröffentlicht von: Materialdienst am 01.02.1996