Steven Goldner gegen Scientology
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Der Tagesspiegel


Das aktuelle Buch

Eine Gesellschaft ohne Freiheitsrechte

Ziel der Scientology-Sekte ist es, die bestehende Ordnung nach ihren Mechanismen zu beherrschen

Bundesverwaltungsamt (Hrsg.): Die Scientology-Organisation. Ziele, Praktiken und Gefahren, Köln 1996 (kostenlos zu beziehen über das Bundesverwaltungsamt, in 50728 Köln).

Angelika Christ, Steven Goldner : Scientology im Management. Econ-Verlag, Düsseldorf 1996. 288 Seiten. 39,80 DM.

"Scientology vereint unter dem Deckmantel einer Religionsgemeinschaft Elemente der Wirtschaftskriminalität und des Psychoterrors gegenüber ihren Mitglieder mit wirtschaftlichen Betätigungen und sektiererischen Einschlägen." Das schreibt Bundesfamilienministerin Claudia Nolte. Die Scientology-Organisation sei "eine der aggressivsten Gruppierungen in unserer Gesellschaft mit einem bedenklichen Demokratieverständnis und einem menschenverachtenden Gesellschaftsbild". Um über die Aktivitäten dieser Organisation aufzuklären, hat das Bundesverwaltungsamt jetzt eine aktuelle Broschüre veröffentlicht.

Darin geht es um Entstehung, Entwicklung und Organisationsstruktur von Scientology, deren Lehre und Ziele, das Verständnis von Ethik und Recht sowie der Umgang mit Kritikern, die Anwerbungsmethoden mit einem "Persönlichkeitstest", den Versuch der Einflussnahme auf die Wirtschaft sowie um die Rolle von Scientology als Arbeitgeber. Im Anhang enthalten sind Kontaktadressen und eine Liste mit weiterführender Literatur. Die Gesamteinschätzung der Herausgeber: "Die Gefahren für die Gesellschaft liegen in der Zielsetzung Scientologys, die bestehende Ordnung scientologisch zu beherrschen. Eine scientologisch geprägte Gesellschaft kennt keine Freiheitsrechte im Sinne des Grundgesetzes".

Inhaltlich liefert die Veröffentlichung wenig Neues, sie enthält aber auf engem Raum und verständlich geschrieben die wichtigsten Informationen. Leider fehlt eine umfangreiche Analyse der gesellschaftlichen Bedeutung und des Einflusses von Scientology, was jedoch den aufklärerischen Wert dieser Broschüre nicht mindert.

Die Volkswirtin Angelika Christ und der Unternehmensberater Steven Goldner beschäftigen sich in ihrem Buch insbesondere mit den wirtschaftlichen Aspekten. Sie beschreiben Bedeutung und Wirkung des von Scientology eingesetzten Persönlichkeitstests, stellen die Unternehmensphilosophie und -praxis dar – vor allem bezogen auf die Einflussnahme – und benennen Möglichkeiten der Abwehr, Enttarnung und Gegensteuerung. Als zentrale Ergebnisse halten die Autoren fest: Erstens könne Scientology infiltrierte Betriebe auf Dauer nicht erfolgreich führen. Zweitens gäbe es recht einfache Möglichkeiten, die Unterwanderungsbestrebungen zu erkennen. Und drittens könnten Absichten zur Umpolung von Firmen durch erprobte Abwehr- und Schutzstrategien verhindert werden.

Dies alles tragen die Autoren nicht in dem von ihnen kritisierten dramatisierenden Tonfall anderer Veröffentlichungen vor. Sie sehen in hemmungslosen Übertreibungen die Gefahr einer Verunsicherung im Umgang mit Scientology, die sich lähmend auf die Diskussion und die Informationen über die Anwendung von Gegenstrategien auswirkt. Allerdings bleibt ihre Darstellung konkreter Fälle häufig diffus, Namen von Firmen und Personen nennen die Autoren mit Absicht nur selten. Gleichwohl ist die vorgestellte Checkliste zu Enttarnung der Einflussnahme auf Betriebe auch vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte von großer Bedeutung.

ARMIN PFAHL-TRAUGHBER


Veröffentlicht von: Der Tagesspiegel Berlin am 10. August 1996