Steven Goldner gegen Scientology
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Workshop 97


Hysterie und Panik lähmen

"Scientology im Management.“ So heißt ein Buch, das Dr. Steven Goldner mit seiner Frau Angelika Christ schrieb. WORK-SHOP sprach mit dem Unternehmensberater aus Mühlheim bei Frankfurt darüber, wie sich Unternehmen vor Sekten schützen.


WORK-SHOP: Herr Dr. Goldner , warum befassen Sie und Ihre Frau sich so intensiv mit dem Thema Sekten?

Goldner : Auslöser war, dass ein Verwandter von uns Sektenmitglied wurde und wir feststellten, wie stark sich dadurch seine Persönlichkeit änderte. Beim Versuch, unseren Verwandten wieder aus den Fängen der Sekte zu lösen, merkten wir zudem, wie schwer dies ist, wenn eine Person erst mal das Gedankengut einer Sekte verinnerlicht hat. Als es uns trotzdem gelungen war, beschlossen wir, uns weiterhin mit dem Thema zu befassen. Dabei wollten wir den Fokus aber auf den Wirtschaftsbereich legen.

WORK-SHOP: Warum?

Goldner : Nur wenige Sektenexperten kennen sich in der Wirtschaft aus.

WORK-SHOP: Weshalb sind Sekten für die Wirtschaft ein Thema?

Goldner : Wenn eine Person in einer Sekte eine Gehirnwäsche durchläuft und ihre Einstellungen und Wertmaßstäbe ändert, prägt dieses Denken auch ihr Verhalten am Arbeitsplatz.

WORK-SHOP: Warum ist das für Unternehmen gefährlich?

Goldner : Hier gilt es zwei Ebenen zu unterscheiden. Zunächst fordern die meisten Sekten von ihren Mitgliedern, dass sie sich voll und ganz für ihre Ziele einsetzen. Das heißt, sie absorbieren einen großen Teil der Zeit. Entscheidender ist jedoch, dass sich bei den betreffenden Mitarbeitern sowohl die Einstellung zur Arbeit und den Zielen das Unternehmens als auch zu den Kollegen und Mitarbeitern wandelt.

WORK-SHOP: Worin zeigt sich dies?

Goldner : Nun, Mitarbeiter, die sich zuvor zum Beispiel im Sinne der Unternehmenskultur kooperativ verhielten, legen plötzlich gegenüber den Kollegen ein eher destruktives Verhalten an den Tag. Führungskräfte, die zuvor Vertrauen als die Basis der Zusammenarbeit betrachteten, agieren plötzlich diktatorisch und regieren mit Angst und Schrecken.

WORK-SHOP: Warum?

Goldner : Die meisten Sekten haben, wie alle Gruppen, die einen Totalitätsanspruch gegenüber ihren Mitgliedern stellen, ein ausgeprägtes "Schwarz-Weiß-Denken". Sie unterscheiden zwischen 'in-' und 'outgroup', Freund und Feind. Deshalb haben ihre Mitglieder Schwierigkeiten, soziale Beziehungen zu Nicht-Mitgliedern einzugehen. Außerdem fällt es Ihnen schwer, ihre Denk- und Handlungsmuster zu relativieren. Deshalb ist ein Zusammenarbeiten mit ihnen, speziell in Teams, schwer.

WORK-SHOP: Müssten Führungskräfte nicht so gefestigt sein, dass man von ihnen eine Immunität gegenüber einem solchen Gedankengut erwarten kann?

Goldner : Auch gestandene Persönlichkeiten mit viel Lebenserfahrung und hoher Bildung lassen sich immer wieder von Sekten und ähnlichen Organisationen faszinieren, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind.

WORK-SHOP: Welche?

Goldner : Bei mindestens 80 Prozent der Betroffenen ist eine persönliche Krise der Auslöser; zum Beispiel eine nicht verkraftete Trennung vom Lebenspartner. In solchen Situationen verfallen auch gestandene Personen oft in einen Zustand akuter Labilität, in dem sie neue Orientierungspunkte suchen.

Treffen sie in dieser Phase auf Organisationen, die ihnen diese Orientierung bieten, besteht die Gefahr, dass sie deren Denk- und Lebensmuster übernehmen.

WORK-SHOP: Müssen sie hierfür nicht eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur haben?

Goldner : Gerade wurde eine Diplomarbeit dazu fertig. Sie kommt zu folgendem Ergebnis: Personen, die ihr Leben als subjektiv sinnerfüllt erfahren, sind gegen Anwerbeversuche von Sekten relativ immun. Dies gilt auch für Personen, die es gewohnt sind, autonom und selbstständig zu handeln. Personen, die zu masochistischen Denk- und Verhaltensstrukturen neigen, scheinen für die Verlockungen von Sekten eher anfällig zu sein.

WORK-SHOP: Worin bestehen die Verlockungen?

Goldner : Meist im Versprechen unermesslichen Glücks und Erfolgs, sei es im beruflichen oder privaten Bereich, sei es in naher oder ferner Zukunft.

WORK-SHOP: Sie sagten, auch aus der Fähigkeit, selbstständig zu handeln, resultiere eine gewisse Immunität gegenüber Sekten. Heißt das auch, dass eine autoritäre Unternehmenskultur die Gefahr erhöht, dass sich Mitarbeiter einer Sekte anschließen?

Goldner : Ja. Wenn in einem Unternehmen ein autoritärer Führungsstil herrscht und die Mitarbeiter in ihrer Arbeit keinen Sinn erfahren, müssen sie dieses für die Konstituierung ihrer Person wichtiges Element außerhalb suchen. Entsprechend steigt die Gefahr, dass sie sich Sekten anschließen.

WORK-SHOP: Heißt das, überspitzt formuliert: Wenn in einem Unternehmen überdurchschnittlich viele Sektenmitglieder arbeiten, liegt etwas mit der Unternehmenskultur im Argen?

Goldner : Ja.

WORK-SHOP: Hat dann dessen Führung versagt?

Goldner : Versagt ist ein zu starker Ausdruck. Hierfür ist das Problem zu vielschichtig; außerdem kann sich zumindest jede gesunde Person frei entscheiden. Ich würde eher sagen: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Führung gewisse Aspekte ihrer Aufgabe nicht wahrgenommen hat.

WORK-SHOP: Welche zum Beispiel?

Goldner : Unter anderem ihre Fürsorgepflicht.

WORK-SHOP: Inwiefern?

Goldner : Nun, wenn in einem Unternehmen kein Verständnis dafür besteht, dass Mitarbeiter auch einmal aufgrund persönlicher Krisen in Phasen temporärer Labilität geraten, verstärkt dies natürlich deren Bestreben, sich Ansprechpartner außerhalb zu suchen. Schon davon, dass Führungskräfte regelmäßig mit ihren Mitarbeitern sprechen und in diesen Gesprächen auch private Fragen thematisiert werden können, geht ein gewisser Schutz aus. Voraussetzung hierfür ist aber ein von Vertrauen geprägtes Verhältnis zwischen Mitarbeiter und Führungskraft.

WORK-SHOP: Zeigen Unternehmen, die verkünden "Wir wollen die Persönlichkeit unserer Mitarbeiter entwickeln bzw. verändern" ähnliche Verhaltensmuster wie Sekten?

Goldner : Sie setzen sich zumindest der Gefahr aus, dass sie sich bei ihren Entwicklungsmaßnahmen für externe Partner entscheiden, die mit Methoden arbeiten, die meines Erachten unzulässig und nutzlos sind.

WORK-SHOP: Warum unzulässig?

Goldner : Wenn Unternehmen den Anspruch vertreten, wir wollen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale unserer Mitarbeiter verändern, begeben sie sich auf ein sehr gefährliches Terrain. Sie begehen eine Grenzüberschreitung, indem sie versuchen, in Bereiche der Person vorzudringen, die deren Intimsphäre angehören. Sie setzen sich der Gefahr aus, sich illegal zu verhalten, indem sie billigend in Kauf nehmen, dass ihre Mitarbeiter bei den Maßnahmen gesundheitliche und persönliche Schäden davontragen. Zum Glück meinen aber die meisten Unternehmen, wenn sie von Persönlichkeitsentwicklung sprechen, Verhaltenstraining.

WORK-SHOP: Trotzdem steht der Begriff "Persönlichkeitsentwicklung" in fast jedem Seminarkalender und Weiterbildungsprogramm.

Goldner : Richtig! Hier herrscht oft eine Verwirrung der Begriffe. Vielen Führungskräften fehlt das nötige psychologische bzw. andragogische Hintergrundwissen. Deshalb subsumieren sie jede Entwicklungsmaßnahme, bei der es nicht um das Vermitteln von Fach- bzw. Produktwissen geht, unter dem Begriff "Persönlichkeitsentwicklung".

Ihnen fehlt die nötige Trennschärfe. Deshalb geraten sie auch leicht an 'Schwarze Pädagogen', die mit ihren Methoden bei den Teilnehmern 'Gehirnwäsche' betreiben, und sind oft noch von deren radikalem Vorgehen begeistert.

WORK-SHOP: Eine Begeisterung, die mancher Seminarteilnehmer teilt.

Goldner : Richtig. Auch bei Seminarteilnehmern stellt man immer wieder fest, dass sich viele leicht von psychologischen Taschenspielertricks begeistern lassen und dass ihnen jegliches Instrumentarium fehlt, um zum Beispiel die Aussagekraft psychologischer Tests zu bewerten. Dies führt natürlich auch dazu, dass manch seriöser Anbieter, nur weil er psychologische Test zum Beispiel für die Sensibilisierung der Teilnehmer nutzt, in den Verdacht gerät, er sei mit Scientology oder einer anderen Sekte verbunden. In einigen Unternehmen herrscht geradezu eine Hysterie, sie könnten an solche Anbieter geraten. Deshalb wird, um Mitbewerbern zu schaden, zum Teil gezielt das Gerücht gestreut, ein Anbieter sei mit den Scientologen verbunden.

WORK-SHOP: Mit welchen Konsequenzen?

Goldner : Oft kündigen Unternehmen die Zusammenarbeit mit einem Anbieter bereits, wenn über drei, vier Ecken das Gerücht auftaucht, er sei mit den Scientologen verbunden.

Alle gegenteiligen Beteuerungen usw. nutzen dann wenig. Deshalb ist es gut, dass sich aufgrund der Aufklärung die Scientology-Hysterie allmählich wieder legt.

Heute wissen die meisten: Die Gefahr besteht, aber ich kann mich auch dagegen schützen.

WORK-SHOP: Herr Dr. Goldner , vielen Dank für das Gespräch.


Veröffentlicht von: Work Shop Das Trainer-Magazin im 3. Quartal 1997