Steven Goldner gegen Scientology
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Wirtsch.Weiterb. 96


Psychokulte

"Vorsicht vor Gehirnwäschern"


Psychokulte unterwandern in erschreckendem Maße die Weiterbildungsbranche auf der Suche nach immer neuen Opfern. Dr. Steven Goldner , Dipl. Psychologe und Buchautor zum Thema, erklärte im Gespräch mit Chefredakteurin Sabine Sunter, wie man seriöse Seminaranbieter von den vermeintlichen Heilsbringern unterscheiden kann.


Dr. Goldner, gibt es bestimmte Themenbereiche im Seminarmarkt, in denen Psychokulte besonders aktiv sind?

Ja, das ist vor allem das Segment der Persönlichkeitsseminare rund um Themen wie Kommunikation, Führung oder Erfolg. Das ist aber keine Garantie dafür, dass Sie in reinen Fachseminaren vor Psychokulten sicher sind.


Das heißt, ich muss mir grundsätzlich die Frage stellen, welche Anbieter in Ordnung sind und welche nicht?

Ja, obwohl ich die Frage noch etwas anders formulieren würde. Ich denke, man sollte sich vorher fragen, was man generell für richtig oder falsch erachtet.


Kommt das nicht auf das Gleiche heraus?

Nicht ganz. Die meisten Menschen lehnen Scientology ab. Es gibt aber auch eine ganze Reihe ähnlicher, oder auch ganz andere Psychokulte, die genauso gefährlich sind. Diese kann man nur identifizieren, wenn man sich nicht nur über mögliche Namen, sondern vor allem über die von Ihnen angewandten Methoden Gedanken macht. Dazu gehört, dass man sich überlegt, welche Werte und Qualitätsmaßstäbe man ansetzen will, diese Methoden zu beurteilen.


Können Sie ein Beispiel nennen?

Ein Unternehmen, in dem zwischenmenschliche Beziehungen ernst genommen und Kundenkontakte besonders gepflegt werden, wird wohl kaum ein Seminar für seine Mitarbeiter akzeptieren, das diese menschlichen Spielregeln missachtet. Genau das tun aber praktisch alle Psychokulte in ihren Seminaren, in denen meist mit militärischem Drill und demütigenden Methoden gearbeitet wird.


Woher bekomme ich denn diese Informationen? In den Werbebroschüren wird wohl kaum etwas über demütigende Seminarmethoden stehen.

Das ist richtig. Die meisten Psychokulte sind mittlerweile so raffiniert, dass man ihnen anhand ihrer Werbeprospekte wenig nachweisen kann. So gibt es beispielsweise eine wachsende Anzahl von Psychokulten, die weder einen Guru noch eine Ideologie haben. Da geht es nur noch um irrwitzige Versprechen von Glück und Erfolg.





Als erste Orientierung muss ich aber doch auf die Unterlagen zurückgreifen, die mir von Anbietern zugeschickt werden. Gibt es da überhaupt keine Ansatzpunkte?

Doch, aber für den Laien sind die Anzeichen in den Broschüren selten eindeutig, da die beschriebenen Inhalte nichts oder wenig über die angewandten Methoden verraten. Vorsicht ist aber beispielsweise bei überzogenen Versprechungen angesagt.


Versprechungen werden viele gemacht, manche sicher auch gehalten. Was heißt für Sie hier überzogen?

Werbeaussagen, die versprechen, dass sich Ihre Persönlichkeit innerhalb von wenigen Tagen grundlegend verändern wird, oder Sie nach dem Seminar garantiert nur noch erfolgreich sein können, halte ich entschieden für unrealistisch und in vielen Fällen auch für gefährlich. Selbst wenn sich dahinter kein Psychokult verbirgt, ist eine herbe Enttäuschung nach der Teilnahme vorprogrammiert.


Was sollte ich Ihrer Meinung nach unternehmen, wenn ich mich als Personalentwickler oder auch als einzelner Nachfrager für Weiterbildung für eine bestimmte Veranstaltung interessiere?

Über persönliche Empfehlungen und vom Seminaranbieter vermittelte Referenzen lassen sich zusätzliche Informationen schnell und relativ unproblematisch besorgen. Wichtig ist dabei, dass Sie auf jeden Fall mit jemandem sprechen, der oder die persönlich an dem jeweiligen Seminar teilgenommen hat. Informationen über Dritte sind heute genauso wenig hilfreich wie die Werbeprospekte der Anbieter.


Worauf sollte man in einem solchen Gespräch achten und wonach fragen, um Indizien über mögliche Verbindungen zu Psychokulten zu entdecken?

Überzogen euphorische Berichte über ein besuchtes Seminar sollten Sie auf jeden Fall stutzig machen. Äußerungen wie "Mein Leben wird sich grundlegend ändern" sind ein typisches Merkmal von Anschlussverhalten. Darüber hinaus sollten Sie nach den angewandten Methoden fragen, da die Inhalte oberflächlich betrachtet durchaus interessant klingen können.


Welche Merkmale deuten denn darauf hin, dass fragwürdige oder sogar gefährliche Methoden in einem Seminar verwendet werden?

Exzessiv lange Seminartage mit 14 oder sogar 18 Stunden Arbeitszeit verbunden mit minimaler Nahrungsaufnahme beispielsweise sind ein typischer Hinweis darauf, dass Menschen systematisch physisch und psychisch erschöpft werden, um sie dann in diesem Zustand mit bestimmten Botschaften zu füttern. Ebenfalls gängig sind Übungen, in denen sehr persönliche Dinge und traumatische Erlebnisse aus der frühen Kindheit aufgespürt und thematisiert werden. Dabei werden ganz bewusst alte Narben aufgerissen und solange darin herumgestochert, bis im Betroffenen völlige Hilflosigkeit entsteht. Diese Gefühlslage der Seminarteilnehmer wird dann ausgenutzt, um ihnen weitere Seminare quasi zur Heilung zu verkaufen.



Warum sollte jemand nach einer solchen Behandlung noch weitere Seminare wie dieses besuchen wollen, geschweige denn positiv darüber reden?

Zu Beginn einer Veranstaltung wird in der Regel darauf hingewiesen, dass es schwierige Phasen geben wird. Der Trick der Psychokulte ist es dann, kurz vor Seminarende scheinbar spontane Glücksmomente und Erfolgserlebnisse zu erzeugen, die die Teilnehmer in eine euphorische Stimmung versetzt. Wer sich schwach und verzweifelt fühlt, freut sich über ein kleines Lächeln. Man hat dann quasi das Gefühl, dass man doch noch etwas erreicht hat und hält das Seminar für gelungen.


Bekomme ich dann von Betroffenen nicht automatisch immer gefärbte und verzerrte Berichte über ein solches Seminar?

Ja sicher, aber das ist eigentlich kein Problem. Wenn Sie beispielsweise den Seminaranbieter selbst nach seinen Methoden befragen, wird ein seriöser Trainer offen und bereitwillig Auskunft geben. Eine Aussage wie "Das kann man nicht erklären, das muss man erleben" lässt hingegen darauf schließen, dass es etwas zu verbergen gibt. Was genau, ist in diesem Fall schon unwichtig, denn Sie werden höchstwahrscheinlich die Finger davon lassen.

In größeren Konzernen kursieren immer häufiger sogenannte schwarze Listen über fragwürdige Trainer. Was halten Sie davon?

Ich bin ein strikter Gegner von solchen Listen, und zwar aus mehreren Gründen. Erstens ändern die Veranstalter ständig ihre Namen, nicht zuletzt aus gerade diesem Grund. Damit sind die Listen niemals aktuell. Zweitens enthalten diese Listen häufig auch Namen von Trainingsanbietern, die gar nicht gefährlich sind, und drittens gibt es keine offizielle Instanz, die die Korrektheit der Angaben überprüfen könnte. Damit ist dem Missbrauch durch Rufmord Tür und Tor geöffnet. Und da die Listen von Hand zu Hand gehen, gibt es für den, der einmal auf der Liste steht, praktisch keine Möglichkeit mehr, wieder gestrichen zu werden.


Könnte die Zertifizierung des Trainers nach ISO 9000 ein Sicherheitskriterium sein?

Im Prinzip ja. Die ISO-Norm zwingt den Anbieter, seine Strukturen und Abläufe offen zulegen, eine Voraussetzung, die von den Psychokulten wohl kaum gewollt noch erfüllt werden könnte. Es gibt aber auch andere, genauso wirkungsvolle Methoden, sich als Anbieter von den Psychokulten zu distanzieren beziehungsweise als Nachfrager einen solchen Nachweis vom Anbieter zu erhalten.


Zum Beispiel?

In Bezug auf Scientology hat sich inzwischen eine Distanzierungserklärung bewährt, in der sich der Unterzeichnende davon distanziert, nach der Technologie von Ron Hubbard zu arbeiten. Bisher ist kein Fall bekannt, dass ein Scientologe unterschrieben hätte. Wenn Sie also unsicher sind, sollten Sie eine solche Erklärung erbitten.





Man ist also Ihrer Meinung nach nicht unbedingt auf die Beratung eines Spezialisten angewiesen?

Genau. Wer ein bisschen Zeit investiert und gründlich vorgeht, ist auch als Laie in der Lage, die entsprechenden Warnsignale zu erkennen und selbst eine Entscheidung zu treffen.

Sabine Sunter


Schutz vor Psychokulten

  • Bevor Sie ein Seminar für sich oder einen Mitarbeiter buchen, sollten Sie folgende Punkte abklären, um sich vor dem Einfluss eines Psychokultes zu schützen:

  • Haben Sie eine euphorische Empfehlung für einen bestimmten Seminaranbieter erhalten? War der Anbieter Ihnen vorher unbekannt?

  • Verfügt der Trainer/die Trainerin über einen angemessenen Werdegang? Verfügt die Person über nachprüfbare und seriöse Referenzen?

  • Geht es bei dem Angebot um grundlegende Veränderungen? Vorsicht bei Versprechen wie schnelle Karriere, Reichtum, massiver Erfolg.

  • Wird eine wissenschaftliche Absicherung behauptet, ohne Beweise vorzulegen? Werden Erfolgsquoten von über 95% genannt?

  • Wird Ihnen die Frage nach den Methoden und Abläufen ausweichend beantwortet? Zum Beispiel: "Das kann man nicht erklären, das muss man erleben." Wird Ihnen verweigert, einen Seminartag zu beobachten?

  • Enthalt das Angebot eine Reihe von Kursen oder Seminaren, die nach dem ersten oder zweiten Baustein keine gleichbleibenden, sondern steil ansteigenden Preise aufweist?

  • Enthält der Erfahrungsbericht eines Teilnehmers Aussagen über Übungen, in denen sehr persönliche Dinge thematisiert oder traumatische Erlebnisse aus der Kindheit besprochen wurden?

  • Gibt es Hinweise darauf, dass mit Angst und Erniedrigung gearbeitet wurde? Lässt sich der beschriebene Stil des Trainers als autoritär bezeichnen?

  • Steht in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen des Seminaranbieters, dass Teilnehmer für eventuell entstehende psychische Schäden selbst zu haften haben?

  • Sollen vor oder zu Beginn eines Seminars eine Reihe von Spielregeln vereinbart werden, die über das üblich Maß (Pünktlichkeit, Pausenregelung etc.) weit hinaus gehen? (z.B. Angaben von persönlichen Gegenständen, Unterzeichnungen von verschiedenen Versprechen)


Veröffentlicht von: Wirtschaft und Weiterbildung, im April 1996