Steven Goldner gegen Scientology
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Man. Berater 97


"Die Unternehmen sind zu blauäugig"


Die Anfragen der Klienten bei Beratungsunternehmen, wie es denn um die Sektenzugehörigkeit der Consultants bestellt sei, mehren sich. Wie sollten Unternehmen und Berater darauf reagieren?


STEVEN GOLDNER

Ist Diplom-Psychologe und Unternehmensberater im Personalbereich. Er hat sich auf die Analyse und Abwehr der Anwerbungs- und Gehirnwäsche-Methoden von Sekten und Psychokulten spezialisiert. Das Buch "Scientology im Management" hat er zusammen herausgegeben mit der Diplom-Volkswirtin Angelika Christ. Sie ist Mitverfasserin einer Studie für das "Institut der Deutschen Wirtschaft" und Vorsitzende von "Sinus", einem Verein zur Information und Selbsthilfe gegen Sekten und Psychokulte. Es ist im Düsseldorfer Econ-Verlag erschienen.


Herr Goldner, sind bunte Aufkleber auf den Berater-Briefen "wir sind Sekten-frei" der richtige Weg?

Das ist natürlich nicht die richtige Antwort. Es geht vielmehr darum, zu differenzieren, mit wem man es zu tun hat. Es gibt nicht nur Scientologen.

Wer ist noch aktiv in der Szene?

Der Versuch, das Bewusstsein zu steuern, wird auch von anderen Gruppen unternommen. Da kommen Führungskräfte von Weiterbildungs-Seminaren zur Persönlichkeitsentwicklung zurück und benehmen sich wie ferngelenkte Roboter. Dann knatscht es im Unternehmen gewaltig. Die Mitarbeiter erleben einen Stil, der ihnen Angst macht und mit dem sie nicht mehr umgehen können. Aus diesem Grund wehren sich immer mehr Unternehmen gegen diese Form der Einflussnahme. Die Erkenntnis liegt ja auf der Hand: Gehirnwäsche und andere Formen von Unterwanderung sind schlecht für das Geschäft.

Warum werden gerade Führungskräfte und Berater zu Opfern? Sind sie besonders anfällig, oder macht ihre Attitüde sie anfällig für Sekten?

Ich glaube das ist ein Vorurteil. Berater und Manager sind nicht anfälliger als alle anderen Menschen. Sie sind nur für diese Gruppe interessantere Ziele, weil sich durch ihre Multiplikator-Funktion mehr Mitglieder einsammeln lässt. Die Auffassung, dass die Persönlichkeitsstruktur von Führungskräften es diesen Gruppen einfacher macht, ist falsch. Entscheidend sind zwei andere Sachverhalte: Ist jemand in einer Krisensituation – besonders, wenn sie zugleich beruflich und privat auftritt – und ist er leichtsinnig genug, sein psychisches Befinden den Anbietern von "garantierter" Zufriedenheit zu öffnen, hat er sich erfolgreich zum Opfer qualifiziert.

Das können aber nicht die einzigen Gründe sein?

Nein. Die entstandenen Missklänge werden beispielsweise durch Scientology noch vertieft. Diese Gruppe unterzieht mögliche Aspiranten einem 200-Fragen-Test ("Oxford Capacity Analysis"), den niemand mit Bravour passieren kann. Dann wird den Opfern klargemacht, dass ihr bisheriges Scheitern – oder das Scheitern in der Befragung – nur dadurch ausgemerzt werden kann, wenn sie sich einer nachhaltigen Schulung unterziehen. Und wenn sie soweit sind, dann kommen die "schwarzen Pädagogen", versprechen den Himmel auf Erden und erklären, dass es ein einfaches ist, sie fit zu machen.

"Schwarze Pädagogen", ist dies jetzt ein Symbol für Scientology?

Nein. Mit "schwarzen Pädagogen" bezeichne ich vielmehr jene Gruppen, die Ihnen versprechen, weiterzuhelfen und Sie für die Realität auszubilden. Aber letztendlich vergiften sie – aus eigennützigen Motiven – nur das Bewusstsein der Opfer. Und: Scientology ist schon lange nicht mehr die einzige Gruppe. Nur beobachten wir schon seit geraumer Zeit und wissen mittlerweile, wie wir uns dagegen zur Wehr setzen können.

Welche Möglichkeiten gibt es da?

Zunächst einmal gibt es die von Ursula Caberta, der Sektenbeauftragten der Hamburger Innen-Behörde, entwickelte Erklärung. Damit sind Sie gegen Scientology verhältnismäßig gut geschützt.

Aber wie sollten Unternehmen und Berater mit anderen Gruppen umgehen?

Mich wundert oft die Blauäugigkeit in den Unternehmen. Während die Einkaufsabteilung Qualität, Referenzen und das Preis-Leistungs-Verhältnis von Waren überprüft und mehrfach scharf kontrolliert, sind sie bei intellektuellen Dienstleistungen viel eher bereit, ohne Nachfragen Mitarbeiter in Kurse und Seminare zu schicken. Das ist ein krasses Missverhältnis. Mein Rat ist, den Einkauf von Weiterbildung und Beratung den gleichen Verfahrensmustern zu unterziehen, wie zum Beispiel den Einkauf von Halbfertigprodukten.

Das hieße aber, neue Kapazitäten in den Unternehmen aufzubauen?

Das ist nicht notwendig. In den meisten Fällen sind Verbände, Kammern und Kirchen gut informiert und gerne bereit, den Unternehmen zu helfen. Wichtig ist, dass diese Hilfe auch wahrgenommen wird. Das Unternehmen kann sich natürlich darüber hinaus auch selbst Qualitätsstandards setzen und diese von den Anbietern verlangen. Schließlich ist das ein ganz normaler Markt. Von selbstgebastelten Erklärungen a la "wir gehören zu keiner Sekte" rate ich allerdings ab.

Können sich die Unternehmen denn auf die abgegebenen Erklärungen verlassen?

Auch hier würde ich zur Vorsicht raten. Denn in vielen Fällen – etwa bei Scientology – ist es möglich, Formulierungen so zu wählen, dass der oberflächliche Leser davon ausgehen muss, es liegt keine Sekten-Affinität vor. In Wirklichkeit holt er aber ein trojanisches Pferd in sein Unternehmen.


Das Gespräch führte Michael Hafermann.


Veröffentlicht von: management berater im November 1997