Steven Goldner gegen Scientology
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Sales 98


Artikel Sales-Jahrbuch


Angelika Christ & Steven Goldner


Verkaufsmethoden der Scientology-Sekte:

Die Ehefrau wegen eines Kredits angefleht“

Bedrängende Verkäufer, schädliche Produkte & horrende Preise*


Im Herbst 1996 läuft in Frankreich ein medienträchtiger Prozess gegen Scientology: Ein Mann wurde von dieser gefährlichen Organisation offenbar hart bedrängt. Er sollte einen zusätzlichen Kurs buchen, konnte aber kein Geld mehr auftreiben. Er beging Selbstmord.


An einem Punkt dieser tragischen Story füllt sich jedes Verkäuferherz mit Neid und Neugier: „Wie schaffe ich es, einen Kunden so zu ‘motivieren’, daß er bereit ist, sein Leben für den Vertragsabschluß zu opfern?“ Um es vorweg zu nehmen, im weiteren Text gibt es für Sie keine Anregung, wie Sie Ihre Verkaufsfähigkeit um eine Wunderwaffe erweitern. Es geht darum, wie Sie Leute mit solchen Methoden erkennen und vermeiden können.


Gehirnwäsche als Akquisition

Das Ziel von totalitären Organisationen besteht darin, viel Geld zu machen. Als Methode dienen unterschiedliche Varianten von Gehirn-wäsche. Der Umsatz kommt dann vom einzelnen Kunden: zunächst über seinen Auftrag (z.B. für ein Seminar) und dann über seinen Einsatz als Werber von neuen Kunden (z.B. im Kollegen- oder Bekanntenkreis).


Ein blühender Markt

Im Geschäftsleben tummeln sich neben Scientology inzwischen weitere Organisationen. Sie wollen Ihnen eine Variante von ‘Erfolgsseminaren’ andrehen, die im krassen Gegensatz zur heute verbreiteten Firmenkultur stehen. Es kann auch sein, daß sich der Anbieter auf andere Dienstleistungen wirft, wo die ‘schnelle Mark’ winkt und eine langfristige Kundenbeziehung verzichtbar ist: Personalvermittlung, Immobilienkauf usw. Gehen Sie davon aus, daß der Auftritt professionell verläuft. Ihr Gesprächspartner trägt keine auffällige Kleidung und hat auch kein Glänzen in den Augen. Eine Namensliste hilft Ihnen keineswegs: ständig kommen neue Anbieter hinzu und vorhandene ‘Schwarze Listen’ führen Sie auf falsche Pfade. Es könnte sogar sein, daß Ihre Firma dort gebrandmarkt wird!


Begehrte Objekte der Gier

Bevorzugtes Objekt einer Akquisition durch solche Gruppen sind hochrangige Führungskräfte. Scientology sucht solche Multiplikatoren und Entscheider, um möglichst die gesamte Firma der sekteneigenen Wirtschaftsorganisation ‘W.I.S.E.’ zuzuführen. Das kann schon nach knapp zwei Jahren zum Ruin durch finanzielles Ausbluten führen. Andere Chancen zur folgenschweren Begegnung können sein: Bewerber, Lieferanten, Kollegen und sonstige Dienstleister.



Das Umgarnen am 'Ruinpunkt':

Die Geschichte von Herrn Aufstieg


Wir übernehmen den scientologischen Begriff, weil er am besten das methodische und taktische Vorgehen beschreibt. Der 'Ruinpunkt' kann sich auf eine Winzigkeit beziehen.


Nehmen wir einen jungen und erfolgreichen Verkäufer, Herrn Aufstieg, aus der zweiten Führungsebene. Er tritt überall energisch und durchsetzungsstark auf. Nur im Gespräch mit seinem Geschäftsführer hemmt ihn etwas. Vielleicht liegt sein wunder Punkt in einer anderen Situation. Das könnte den Umgang mit der Sekretärin seines Vorstandes betreffen. Wenn sie schnippische Bemerkungen macht, reagiert Herr Aufstieg verlegen.


Egal, in welcher Situation der 'Ruinpunkt' auftaucht: kaum jemand lebt ohne ihn. Er ist eine Last und Scientology findet ihn. Dafür gibt es entsprechende Gesprächstechniken. Der Ruinpunkt liegt nun auf dem Tablett vor Herrn Aufstieg. Er bekommt den Hinweis, daß sich so etwas mit einfachen Techniken der Kommunikation überwinden läßt. Wird er zugreifen?


Der junge Mann macht irgendwann einen Kommunikationskurs, von dem ihm ein befreundeter Kollege ganz euphorisch erzählte. Dort erfährt er eine überwältigende Anerkennung. Herr Aufstieg hat keine Ahnung, daß es sich um die Technik 'Love-Bombing' handelt. Eingeweihte Scientologen überschütten ihn mit Zuwendung, damit er sich gut fühlt. Durch eine Übung lernt er, seinen Ruinpunkt zu überspielen. Zurück im Büro, klappt seine Kommunikation besser. Es gelingt ihm, 'cool' zu bleiben. Er tritt jetzt auch hier stark auf und zeigt keine Spur von Verlegenheit.


Am nächsten Tag ruft einer der Kursteilnehmer an, Herr Umgarner. Dieser findet Herrn Aufstieg so sympathisch, daß er ihn mit Familie privat einlädt. Zufällig sind die Kinder beider Familien gleichaltrig. Der Wochenendbesuch endet mit neuen Freundschaften. Herr und Frau Aufstieg fahren begeistert nach Hause. Die Umgarners machen einen netten Eindruck. Sie drücken sich zwar manchmal etwas eigenartig aus, dafür scheinen sie aber glücklich zu leben. Nachdem Frau Umgarner auch ganz begeistert von diesem Kommunikationskurs erzählt, entwickelt Frau Aufstieg einige Neugier. Und Herr Aufstieg spielt mit dem Gedanken, den Fortsetzungskurs zu buchen.......


Wie könnte die Geschichte weitergehen? Wird Herr Aufstieg in vielen kleinen Schritten von immer neuen Kommunikationstechniken 'überzeugt'? Lernt er eine neue Technologie zur Betriebsführung kennen? Wird er dazu angeleitet, wie er seinen Vorstand für einen Kommunikations-Kurs gewinnt? Wird der Vorstand danach die Firma in den scientologischen Wirtschaftsverband einbringen?


Zuckerbrot & Peitsche

„Mir könnte sowas nie passieren!“ So denkt fast jeder. Und trotzdem geraten auch intelligente Leute mit hohen Positionen in den Sog einer Gehirnwäsche. Ein Grund liegt in der aktuellen Lage: Wer gerade eine schwere Krise durchläuft (z.B. Scheidung oder Krankheit), der sucht nach einer neuen Orientierung, der will etwas in seinem Leben ändern. Stellen Sie sich vor: Sie erleben in einer solchen Krise unglaublich freundliche Leute, die Ihnen einfache Erklärungen für alles geben und vor Glück nur so strahlen. Wenn Ihnen außerdem noch raffinierteste Psychomethoden eingeflößt werden, würden Sie mit absoluter Sicherheit widerstehen?


Der Trick mit dem Test:

In einer Hotellobby wurden wir zufällig Zeuge mehrerer Akquisitionsgespräche von Scientologen, die gut genug geführt wurden, um als Lehrvideo eingesetzt zu werden. Leider stand keine Kamera zur Verfügung. Herren haben eine Dame als Gesprächspartner (und umgekehrt). Zwischendurch kommt die Dame auch mal näher ran und legt dem Herrn die Hand auf die Schulter ...


Anhand des ausgewertet vorgelegten 'Persönlichkeits-Tests' bringt die Akquisiteurin den potentiellen Kunden durch eine unaufdringliche Fragetechnik zum Sprechen. So erfährt sie genug, um ihn für verschiedene Stärken zu loben und zu bewundern. Erst nach einiger Zeit spricht sie ihn suggestiv und verständnisvoll auf Situationen an, die immer wieder vorkommen und nur unbefriedigend bewältigt werden.


Die Negativpunkte in der Testauswertung (die immer enthalten sind - egal wer sich dem Test unterzieht) beziehen sich auf den Bereich der Kommunikation und sind völlig allgemein gehalten. Dadurch passen die Problembeispiele des Kunden immer in die Testauswertung. Und: Wer hat nie ein Kommunikationsproblem?


Der Kunde reagiert verblüfft auf die scheinbare Aussagekraft des Tests. Nach der anschließenden Frage, ob er sich denn weiterentwickeln will, öffnet seine Antwort (''Ja! Aber wie?'') die Tür sperrangelweit für den entscheidenden Vorstoß der Akquisition: ''Da können wir Ihnen helfen! Aber bitte sagen Sie mir erst, ob Sie es wirklich wollen.'' Wer brächte da ein ''Nein'' heraus? Schon sind wir beim sogenannten 'Kommunikationskurs', der allerdings erst in drei Monaten einen freien Platz aufweist. Beiderseitiges Bedauern setzt ein.


Da merkt der Kunde, daß seine Gesprächspartnerin mehr ist als nur verständnisvoll - sie will ihm ganz persönlich helfen. Sie hat alle Belegungspläne bei sich, erweist sich also als Profi. Und sie hat Einfluß: ''Ich will Ihnen helfen, und ich glaube wie Sie, das sollte bald passieren. Wenn Sie wirklich teilnehmen wollen, rufe ich jetzt meinen Kollegen an. Der macht übermorgen den Kurs. Ich kann für Sie erreichen, daß er einen Platz frei macht oder Sie zusätzlich aufnimmt. Auf Ihre Zusage kann ich mich doch verlassen?. Der Rest ist Routine....


Was ist 'W.I.S.E.'?

Am meisten interessiert Sie wahrscheinlich, wie Sie sich vor Scientology bzw. deren Wirtschaftsorganisation (World Institute of Scientology Enterprises) in Ihrem Umfeld - sprich Unternehmen oder Verband - schützen können. Gründe dafür gibt es mehr als genug:

  • Scientology ist ein totalitäres System, das den Zustand abschaffen will, daß alle Menschen gleiche Rechte haben.

  • Scientology behandelt Mitarbeiter mit Methoden, die wir als unwürdig empfinden. Der Lohn ist eher ein Hohn und liegt oft weit unter Tariflöhnen.

  • Die Qualitätsmängel der angebotenen Waren und Dienstleistungen sind erheblich, z.B. die Tests für Bewerber. Außerdem können sie Ihrem Unternehmen gehörig schaden.

  • Scientology führt bei WISE-Mitgliedsfirmen eine „Technologie“ ein, die selbst in den 50er Jahren schon ihre Macken aufwies. Die Kennzeichnungen stammen von uns:



Die berüchtige 'Technologie' von Scientology:


  • Management by Big Brother:

Einführen eines „Ethik-Offiziers“ zur Kontrolle der Mitarbeiter

  • Management by Statistics:

kurzfristiges Denken (Statistiken sind jeden Donnerstag fällig!). Mit „hard-selling“, einem kundenfeindlichen Vertriebsstil, werden Kunden über den Tisch gezogen. Zunächst wird der Umsatz angeheizt, was aber langfristig die Kundenzufriedenheit zerstören kann

  • Management by Fremdkontrolle:

weitestgehende Kontrollbefugnis durch W.I.S.E.

  • Management by Überteuerung:

extrem überteuerte Konditionen für 'Beratung', Lizenzen (z. B. bis zu 18 % vom Umsatz!), Seminare und Bücher

  • Management by Gehirnwäsche:

Schulungen für die Mitarbeiter nach dem hubbard’schen Gedankengut, mit vielen Elemente von Gehirnwäsche

  • Management by Angst & Schrecken: ein autoritärer und unterdrückender Führungsstil, der die Motivation und Leistung Ihrer Mitarbeiter blitzschnell abbauen kann



Nun haben Sie einige Gründe, Scientology für Ihr Unternehmen abzulehnen. Sofort danach stellt sich Ihnen die Frage:


"Wie schütze ich mich?"

Wenn die geschilderte Form von Management an Ihrem Geschmack vorbeigeht, stellen Sie sich die Frage: " Wie verhindere ich, daß sich eine Tarnfirma, die kein Logo von Scientology führt, in meinem Unternehmen Fuß faßt? Ein vielfach bewährtes Mittel ist die 'schriftliche Distanzierung' von Ursula Caberta, Leiterin der ‘Arbeitsstelle Scientology' des Hamburger Senats:


Vertraglicher Schutz


"Ich erkläre hiermit, daß

  1. ich bzw. meine Firma nicht nach der Technologie von L. Ron Hubbard arbeiten,

  2. weder ich noch meine Mitarbeiter auf meine Veranlassung nach der Technologie von L. Ron Hubbard geschult werden bzw. keine Kurse und/oder Seminare nach der Technologie von L. Ron Hubbard besuchen,

  3. ich die Technologie von L. Ron Hubbard zur Führung eines Unternehmens ablehne und

  4. ich nicht Mitglied der IAS = International Association of Scientologists bin.

  5. Sollte sich eine Aussage als unwahr herausstellen oder in Zukunft verletzt werden, stellt dies einen wichtigen Grund zur fristlosen Kündigung dieses Vertrages dar. Außerdem verpflichte ich mich für diesen Fall zur Zahlung einer Vertragsstrafe in Höhe von DM .........."


Die Vertragsstrafe sollten Sie so hoch wie möglich ansetzen. Ein Ansatzpunkt ergibt sich z.B. aus dem Auftragswert des letzten Halbjahres, wenn es um einen Dienstleister geht. - Sofern es um die Zusicherung eines Bewerbers oder Mitarbeiters geht, können Sie die beiden ersten Punkte entsprechend umformulieren und die Vertragsstrafe weglassen.


Worauf es ankommt:

In dieser Absicherung ist das Stichwort 'Hubbard-Technologie' wesentlich. Dieses kennzeichnet den Kern der scientologischen 'Erziehung'. Bisher ist noch kein Fall bekannt, in dem ein Scientologe dieses Bekenntnis verleugnet. Mit folgender Versicherung würden Sie sich selbst hereinlegen: "Ich bin nicht Mitglied von Scientology" oder "Ich bin kein Scientologe". Viele scientologisch geschulte Menschen können diese Versicherung locker abgeben: Nach unserem Wissen stehen nur manche Scientologen im formalen Status einer Mitgliedschaft bei 'Scientology'.


Was tun Sie bei anderen Gehirnwäschern?

Allerdings müssen Sie eine Einschränkung hinnehmen: die 'Distanzierung richtet sich ausschließlich an die scientologische Variante der totalitären Methoden von Psycho-Kulten. Scientology hat auf darauf kein Monopol. Auch andere Systeme versuchen, in Firmen Fuß zu fassen. Wir registrieren zunehmend Gruppen, die nur auf die Wirtschaft zugeschnitten sind. Deren Auftritt enthält keinerlei Religion. Sie akquirieren mit ansprechenden Begriffen wie ‘Erfolg’ oder ‘Persönlichkeitsentwicklung’.


Qualität prüfen statt Mitgliedschaft!

Das kritische Beobachten greift bei Psycho-Kulten besser als juristische Formeln und Schwarze Listen. Der Schutz für Ihre Firma liegt in klaren Anforderungen an die Qualität von Leistungen. Diese können Sie in den Unternehmensgrundsätzen, in den Qualitätshandbüchern und in den Stellenbeschreibungen verankern. Was die Sache einfacher macht: Ideologie, Philosophie und Weltanschauung können Sie getrost ignorieren! Sie brauchen also keinen Crash-Kurs machen, um den Führerschein für den Dschungel der Sekten und gefährlichen Psychogruppen zu bestehen.



Acht Prüffragen zur Akquisition

Mit den folgenden Fragen können Sie zu einer sicheren Entscheidung kommen, ob Sie mit einem externen Anbieter arbeiten wollen:


Menschenbild:

Klingt alles nach 'gut' und 'böse'? Wird für eine harte Gangart und für Drill geworben?


Hinweis auf ein System, das mit totalitären Methoden arbeitet!

Verweigerter Einblick:

Werden Abläufe und Methoden erläutert? Wird Ihnen der Besuch eines Seminartages gestattet?


Klares Kennzeichen, daß es etwas zu verbergen gibt!

Vorbilder:

Welche Personen, Theorien und Konzepte werden als Orientierung angegeben?

Das Stichwort 'Hubbard' oder 'Dianetik' ist ein klarer Beweis für Scientology. Andere Namen: hinterfragen und bei Experten recherchieren!

Aufdringlichkeit:

Ist die Akquisition anmaßend und vorwurfsvoll?

Kommt zunehmend vor, weil die 'Verkäufer' nach der Gehirnwäsche das normale Maß für Umgangsformen verlieren und sich überschätzen!

Euphorische Empfehlung:

Erhielten Sie von einer vertrauenswürdigen Person eine überschwengliche Empfehlung?

Manche Anbieter arbeiten ohne öffentliche Werbung, sondern über die Beeinflussung ihrer Mitglieder, die sie als Werber mißbrauchen.

Versprechungen:

Geht es um grundlegende Veränderungen in Ihrer Firma? Wird in Aussicht gestellt, daß Ihre Mitarbeiter schlagartig erfolgreicher werden?

Hört sich prima an. Aber Vorsicht: Seien Sie mißtrauisch, wenn Ihre eigene Lebenserfahrung ausgehebelt werden soll! Bleiben Sie kritisch und vertrauen Sie Ihrem Sinn für das Realisierbare!

Werdegang:

Welche Ausbildung liegt vor? Hat er oder sie eine mindestens dreijährige Erfahrung mit dem angebotenen Thema?


Wenn keine anerkannte und zur Tätigkeit passende Ausbildung und Erfahrung vorliegt: erhöhte Vorsicht!

Referenzen:

Liegen nachprüfbare und seriöse Referenzen vor?

Oft erhalten Sie Luftblasen, die beim Prüfen sofort platzen. Das Nachprüfen ist nützlich für negative Auskünfte. Eine Bestätigung kann eine Falle sein!


Tips zu den Prüffragen:

Isoliert betrachtet, wirkt manche Frage vielleicht befremdlich. In der Kombination erhalten die Punkte erst ihren Sinn! Je nachdem, wie viele negative Antworten Sie erhalten, wird ein Verdacht erhärtet oder entkräftet. Vertrauen Sie einfach Ihrem Gesamteindruck!


Verdacht, Gerücht & Rufmord

Uns erreichen auch haarsträubende Fragen nach der Zugehörigkeit von Personen oder Firmen zu einer totalitären Gruppe. Die Ursache liegt sicher zum großen Teil in der zunehmenden Sensibilisieren der Wirtschaft, speziell im Vertrieb. Manchmal reagiert jemand aber auch überängstlich. Trotzdem verspricht das übervorsichtige Verhalten mehr, als sich vorschnell nach dem Motto zu beruhigen: "Es wird schon nicht so schlimm sein!"


Die überängstlichen Fragen unterscheiden sich von den 'normalen' durch ein interessantes Merkmal: Ziemlich durchgängig handelt es sich um einen Verdacht ohne Indizien. Seine Grundlage besteht nur in dem, was einem zugetragen wurde. Was uns hier begegnet, trägt also eher die Merkmale eines Gerüchtes. Das funktioniert sogar unterhalb des aktiven Zutragens. Es reicht schon ein flüchtiges Lesen und ein Stück Papier, das Personennamen und eine Sekte auf einer Seite aufführt:


Uns passierte es im Rahmen eines Vortrages. In der Einladung standen unsere Namen und das Thema "Scientology im Betrieb: Die Mogelpackung - Gefahren, Fälle und Schutzmaßnahmen". Eine erstaunte Frage von jemandem, der wegblieb: "Die sind gegen Scientology? Ich dachte, die sind Scientologen!" So einfach geht das ....


Wir erleben diesen Gehirn-Kurzschluß auch in anderen Fällen. Deshalb vermeiden wir Namensnennungen, selbst wenn es sich um leuchtende Beispiele handelt: Diese Personen und Firmen wären der Gefahr ausgesetzt, daß ein Erwähnen in diesem Artikel sie schon zu Mitgliedern und Befürwortern dessen macht, was sie gerade so konstruktiv bekämpfen.


Unter der Fahne "Verdacht" wird vieles locker behauptet und geglaubt. Fakten oder zumindest Hinweise erscheinen überflüssig oder lästig, wenn nur die Bereitschaft groß genug ist, das wahrzunehmen, was man wahrnehmen will. Die Freude darüber, den unerkannten Feind zu enttarnen, läßt die Frage vergessen, ob der Feindstatus überhaupt gerechtfertigt ist. Die Schlußfolgerung steht für sich und die Begründung entfällt. Überspitzt ausgedrückt: Wenn die Volksseele kocht, will sie lieber bestrafen als abwägen.


Was bedeutet es, wenn jemand zu einer religiösen Splittergruppe gehört, diese aber keinerlei negative Auswirkungen im Unternehmen hervorruft? Wiederum sehen Sie: Namen, Mitgliedschaften und ähnliche Dinge helfen Ihnen keineswegs. Entscheidend bleibt, was jemand tut. Wir hätten in Deutschland bald leere Betriebe, wenn wir alle entlassen, die ein Glas Alkohol trinken. Da schreiten wir auch erst ein, wenn die Arbeitsleistung sinkt oder der Betriebsfrieden gestört wird.


Mit den ungeprüften Behauptungen und dem Hochspielen von ungefährlichen Bagatellen befinden wir uns schon mitten in den unbegründeten Warnungen. Aus Angst und keineswegs aus böser Absicht geraten Verantwortliche in ein ungutes Spiel: Wohlwollend und 'vorsichtshalber' warnen sie dann Kollegen, 'daß Herr X eventuell der Sekte ABC angehört'. Am Ende steht das Urteil und niemand hat die Indizien darauf geprüft, ob sie existieren und wenn ja, ob sie

überhaupt Gefahr signalisieren.


Welche Folgen muß ein Betroffener für seine berufliche Existenz ausbaden, wenn ihn der Bannstrahl der Etikettierung trifft? Wie kann er beweisen, daß er kein Mitglied ist? Erhält er dafür überhaupt eine Chance?


Inzwischen bestehen noch bösere Varianten der Verdächtigung: Als Hilfsmittel für das Mobbing streut schon mal jemand, daß ein bestimmter Kollege in der Firma 'sich in letzter Zeit so komisch verhält und ob der vielleicht jetzt bei dieser Sekte ist?' Sie kennen das ja: Aus der Möglichkeit und aus dem 'Vielleicht' werden spätestens bei der dritten Station des Betriebsklatsches volle Gewißheit und harte Fakten.


Die perfideste und weitreichendste Variante erleben wir im gezielten Streuen des völlig unbegründeten Verdachts, daß eine Firma von einer totalitären Gruppe unterwandert, übernommen oder sonstwie gesteuert sei. Hier geht es um den Rufmord an einem Unternehmen. Inzwischen konnten bereits etliche Firmen dieses wenig amüsante Erlebnis ausprobieren. Manche beweisen eine glückliche Hand, manche halten sich noch Steigerungen offen.


Konsequenzen?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten für Sie:

  1. Bestätigter Verdacht

Eindeutige Antworten in Richtung: "Arbeitet ganz offensichtlich mit Methoden, die wir ablehnen." Der Fall ist klar: Sie gehen keine Geschäftsbeziehung ein bzw. lösen die bestehende auf.

  1. Unklare Anworten

Trotz vieler Fragen und Erkundigungen kommen Sie zu keinem klaren Ergebnis: Um in dieser Situation einen Verdacht zu entscheiden, sollten Sie Fachleute ansprechen.

  1. Kein Verdacht

Sie finden nur minimale oder keine Verdachtssignale: Seien Sie fair und überwinden Sie das distanzierte Gefühl gegenüber der geprüften Person. Es wäre eine fatale Konsequenz, wenn Menschen wie Täter behandelt werden, nur weil sie 'überprüft' wurden!


Und wer hilft Ihnen?

Wenn offene Fragen bleiben: An wen können Sie sich wenden? Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Anti-Sekten-Beratern: am stärksten verbreitet und am meisten erfahren sind die kirchlichen Berater. Sollte Ihr Problem nicht ernst genommen werden, versuchen Sie es in einer anderen Stadt. Fragen Sie sich durch! Zusätzlich bestehen auch staatliche Stellen. Nutzen Sie auch diese Möglichkeit! Fragen Sie auch private Vereine und Selbsthilfegruppen. Lesen Sie Informationen, die auf dem Buchmarkt erhältlich sind. Verbände, andere Firmen sowie Industrie- und Handelskammern können oft nützlich sein. Zumindest besteht die Chance, daß Sie auf jemanden stoßen, der jemanden kennt, der jemanden kennt.....

Und wenn Sie jetzt feststellen, daß es sich wirklich um gefährliche Methoden handelt? Suchen Sie vorsichtig Verbündete im engsten Kreis. Entwickeln Sie eine Strategie!


Intern oder extern?

Manchmal läßt sich ein internes Problem relativ einfach arbeitsrechtlich lösen: Nach der Gehirnwäsche in einem Psycho-Kult lassen sich Mitarbeiter oft auf Dinge ein, die außerhalb der Legalität liegen und z.B. den Betriebsfrieden stören. - Wichtig: Ihre Lösung muß sich auf einen Verstoß gegen geltendes Recht beziehen, also auf TATEN! Der ‘GLAUBE’ an einen nicht-verbotenen Psycho-Kult ist keine ausreichende Begründung, um eine Zusammenarbeit zu beenden.


Bei Externen ist eine Vertragslösung oft leichter und bedarf nur bei vorzeitiger Kündigung einer Begründung. Aber auch diese muß sich am falschen Handeln des Vertragspartners orientieren, und auf keinen Fall an seinem Glauben!


Wollen Sie vorbeugen?

Freuen Sie sich, wenn Ihnen das Thema ‘Sekten und Psycho-Kulte’ bisher erspart blieb. Damit es so bleibt, ist es sinnvoll, das Thema im Betrieb vorbeugend anzugehen, z.B. durch Vorträge oder betriebsinterne Publikationen. Das ist ohne Konfliktstoff, so lange kein ‘Fall’ aufgetreten ist.



Wenn Sie mehr lesen wollen:

A. Christ & St. Goldner: "Scientology im Management“, ECON-Verlag, 1996.

H. Hemminger: "Eine Erfolgspersönlichkeit entwickeln?“,

EZW, Heft 132, 1996 (Tel. 030-283 95-211, Fax -212)



* Headline: Zitat aus der FAZ vom 11.10.96



SINUS e.V.:

Informationen für Sie!


In Hessen gibt es eine private Initiative. Sie heißt 'Sekten-Information und Selbsthilfe'. Dort finden Sie Experten aus den Kirchen, Aussteiger aus Sekten, Familienangehörige und andere an diesem Thema interessierte Menschen.

SINUS klärt auf durch Vorträge und Publikationen, ermuntert alle Parteien zu Aktivitäten gegen Sekten, stellt Kontakte her, berät Firmen und Betroffene. Seit kurzem gibt es mittwochs von 19 - 21 Uhr eine Hotline: Tel. 069-92 102 - 634

Sie können dort noch etwas tun: nämlich eine Spende hinschicken, weil SINUS keine öffentliche Finanzierung bekommen kann.....




Über die Autoren:


Angelika Christ, Dip.-Volkswirtin, Geschäftsführerin eines Industrieverbandes. Sie ist Mitverfasserin einer Untersuchung über Scientology für das Institut der Deutschen Wirtschaft, Köln und Vorsitzende von SINUS e.V.

Dr. Steven Goldner Dipl.-Psychologe, ist Geschäftsführer der Unternehmensberatung asq!-GmbH. Neben Beratung und Trainings im Vertrieb, ist er spezialisiert auf die Abwehr von Gehirnwäsche-Methoden.



Hinweis zum Buch:

"Scientology im Management"

"Wer sich über die wirtschaftlich gefährlichen Methoden der Sekte oder über Handlungsmöglichkeiten für den Fall der Fälle informieren möchte, findet hier einen erstklassigen Ratgeber."

(Handelsblatt, 2.3.1996)

Gerade weil das Thema so ernst ist, haben die Autoren einen lockeren und manchmal sogar humorvollen Stil gewählt. Weder zum Lesen, noch zum Anwenden der Ratschläge müssen Sie ein Experte sein. Das Buch vermittelt Zuversicht statt Panik.


Schlußabsatz zum Sektenartikel:

Was zeichnet sich ab?

Die aktuelle öffentliche Diskussion zeichnet sich aus durch Panikmache und unsinnigen Aktionismus: Der Aufruf zum Boykott eines Films mit einem scientologischen Darsteller ermöglicht Scientology große Mitleidskampagnen im Ausland. Die Forderung nach einem Verbot von Scientology ist zwar medienwirksam, kann aber aus vielen Gründen kein Ziel erreichen, das die Gesellschaft und speziell die Wirtschaft im Kampf gegen Gehirnwäsche aufstellt.


Aussichtsreich erscheinen dagegen die Themen und Vorhaben der Enquète-Kommission im Deutschen Bundestag. Das Ausdehnen des Verbraucherschutzes sowie TÜV-ähnliche Qualitätsanforderungen an Methoden und Qualifikation von Trainern werden den Gefahren besser begegnen (insb. auch andere gefährliche Anbieter treffen). Weitere Lichtblicke sind Gerichtsurteile, die den wirtschaftlichen Spielraum von Scientology (und ähnlichen Gruppen) einengen. Wir sind zuversichtlich, daß sich entschlossene und panikfreie Umgang mit diesen Gefahren lohnen wird!

Ende