Steven Goldner gegen Scientology
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Handelsblatt 97


Mancher Psycho-Kurs wird zum Seelen-Striptease

Woran sich dubiose Angebote erkennen lassen


Der Verstand bleibt auf der Strecke Von U. Caberta, S. Goldner und H. Hemminger


Psychologische Bildungsmaßnahmen stoßen bei Managern auf reges Interesse. Besonders gefragt – und besonders umstritten – ist der Bereich der Persönlichkeitsbildung, in dem es nicht nur um Kommunikationsverhalten oder Führungsstil geht, sondern auch um die Veränderung von Grundstrukturen des Fühlens, Handelns und Denkens.


HANDELSBLATT, Donnerstag, 20.3.97

Persönlichkeitsentwicklung zu hohen Preisen wird von seriösen und fachlich ausgewiesenen Anbietern offeriert, jedoch ebenso von Gruppen, deren Methoden aus der ausufernden Psycho-Szene stammen – und sogar von Sekten, allen voran Scientology. Was der einzelne Betrieb als problematisch oder gar als gefährlich empfindet, hängt von der Unternehmenskultur ab.


In einem Betrieb mit einer "steilen Hierarchie" und mit einer ausgeprägten Befehls-Gehorsam-Struktur fällt es möglicherweise kaum auf oder ist sogar erwünscht, wenn in einem Kurs vereinnahmende Methoden und hoher Anpassungsdruck vorkommen. In einem Unternehmen hingegen, das auf Eigenständigkeit der Führungskräfte, symmetrische Beziehungen und gute Kommunikation nach innen und außen setzt – und das ist die Mehrheit -, werden solche Methoden als Psycho-Terror empfunden.


Allerdings darf man die Leistungs- und Leidensbereitschaft gerade jüngerer Führungskräfte nicht unterschätzen. Wenn sie davon überzeugt sind, dass das Befolgen restriktiver Kursregeln, das Offenlegen persönlicher Gefühle in der Gruppe usw. zum beruflichen Erfolg beiträgt sind viele (nicht alle) bereit, sich einer solchen Prozedur für eine begrenzte Zeit zu unterwerfen. Die Mühe, der Zwang zur Anpassung, das Ertragen der Trainerautorität und das Aufgeben der Intimsphäre werden, so heißt es, mit Erfolg belohnt.


Gelegentlich geschieht es, dass Führungskräfte von Sekten vereinnahmt werden. Dann kommt es zu Unterwanderungsversuchen der Sekte im Betrieb, die Teilnehmer verändern ihr Alltagsverhalten, sie verursachen interne Konflikte, sie schaden dem Firmenimage und bewirken manchmal immense Kosten.


Weniger kompliziert ist die Situation, wenn ein Kursanbieter selbst keine Sektenstruktur hat, aber manipulative Psycho-Methoden in seinen Kursen anwendet. Überraschende, nicht alltägliche Erfahrungen, auch Grenzerfahrungen, stoßen bei einem Teil der Betroffenen positive Veränderungen an. Bei anderen bewirken sie nichts, und eine Minderheit von Teilnehmer läuft Gefahr, seelisch geschädigt zu werden. Seriöse Angebote zeichnen sich dadurch aus, dass sie gezielt und differenziert Entwicklungsanstöße geben, aber auch dadurch, dass sie Gefahren durch entsprechende Vorsicht vermeiden.


Die Vertragsbedingungen und die Selbstdarstellung des Anbieters können Hinweise geben. Vorsicht ist angebracht, wenn:

  • der Veranstalter sich von allen rechtlichen Forderungen entbinden lässt und die psychische Belastbarkeit der Teilnehmer im voraus bestätigt haben will;

  • es keine Informationen über den Ablauf, die Rahmenbedingungen und die Methoden des Kurses gibt;

  • die psychologischen und/oder pädagogischen Qualifikationen der Trainer fehlen oder unter den fachlichen Standards liegen;

  • frühere Teilnehmer einer Schweigepflicht unterworfen werden.


Weitere Gefahrenzeichen liefern die Rahmenbedingungen des Kurses, die man allerdings oft erst vor Ort erfährt. Problemtisch sind alle entwürdigenden, die persönliche Freiheit einschränkende und potentiell abhängig machenden Bedingungen – z.B. wenn:

  • persönliche Dinge (Ausweis, Medikamente, Uhr) abgegeben werden müssen;

  • die Ernährung kärglich ist und die Mahlzeiten streng reglementiert werden;

  • zu lange Arbeitsphasen und zu wenig Schlaf und Ruhepausen vorgesehen sind und körperlich ermüdende Übungen dazukommen;

  • rigide Pünktlichkeit gefordert und Versäumnisse öffentlich bestraft werden. Verbote, den Raum zu verlassen und die Reglementierung von Toilettengängen sind inakzeptabel;

  • ein Kommunikationsverbot nach außen erlassen wird (kein Telefon, keine Post);

  • zu Denunziation anderer Teilnehmer wegen Regelverstößen ermuntert wird ("Wir sind alle füreinander verantwortlich...");

  • sich die Trainer gegen Kritik immunisieren und berechtigte Einwände immer als Problem des Kritikers dargestellt werden:

  • es verboten wird, sich Notizen zu machen oder sich mit anderen Teilnehmern über die Erfahrungen auszutauschen;

  • die Gruppen viel zu groß sind.


Auch die Trainingsmethoden an sich können Gefahren mit sich bringen. Allerdings ist es für Laien schwer zu beurteilen, ob eine bestimmte Technik überhaupt zu verantworten ist, ob sie unter den gegebenen Umständen zu verantworten ist und wofür sie nützlich oder schädlich sein könnte. Daher seien nur einige Beispiele genannt. Gefahr ist im Verzug, wenn:

  • hypnotische Übungen, Trance- und Meditationsübungen ohne umfangreiche Absicherungen benutzt werden;

  • intimste Dinge aus der Biographie ausgegraben werden, die in einem Kurs von wenigen Tagen auf keinen Fall bearbeitet werden können und eher in ein Vier-Augen-Gespräch gehören;

  • Angstübungen durchgeführt werden, z.B. das Vorstellen der eigenen Beerdigung, das Visualisieren des "Schlimmsten, was mir passieren kann", usw.


Die Notwendigkeit, den harten Psycho-Markt gesetzlich zu regeln, wird immer deutlicher. Es ist zu hoffen, dass ein in Hamburg erarbeitetes Gesetz zur Regelung der gewerblichen Lebenshilfe in nächster Zeit über den Bundesrat den Gesetzgeber erreichen wird und dazu beiträgt, die Probleme zu verringern. Der Hamburger Entwurf versteht unter Lebenshilfe"... die zeitlich begrenzte und unbegrenzte Interaktion zwischen Helfer bzw. einer Helferin oder einer Helfergruppe und einer hilfesuchenden Person mit dem Ziel der Verbesserung der seelischen Befindlichkeit oder der geistig-seelischen Fähigkeiten, z.B. durch Gespräch, Unterricht, mentales und/oder körperliches Training in sogenannten Selbsterfahrungsgruppen, Kursen, Workshops oder im Selbststudium und Selbsttraining unter Verwendung schriftlicher und/oder audiovisueller Unterrichtsmittel und/oder interaktiver Maschinen".


Der Geltungsbereich des Gesetzes soll nach zwei Seiten eingegrenzt werden: Zum einen muss der medizinische Handlungsbereich außerhalb dieser Regelungen bleiben, das heißt, Ärzte und Ärztinnen, Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker sowie deren Dienste werden nicht erfasst. Zum anderen soll die Hilfe zur Lebensbewältigung, die im Rahmen religiöser Angebote gemacht wird, z.B. die seelsorgerliche Tätigkeit von Kirchen, nicht geregelt werden.

Allerdings ist es falsch, sämtliche Organisationen, die sich Kirche nennen oder sich als religiös verstehen, z.B. Scientology, prinzipiell vom Anwendungsbereich des Gesetzes auszunehmen. Die Abgrenzung lässt sich über die Merkmale der Gewerblichkeit und der Entgeltlichkeit der Hilfe erreichen: Die Kirchen und andere religiöse Gemeinschaften werden die als Teil ihres seelsorglichen Auftrags verstandene Lebenshilfe in der Regel unentgeltlich und praktisch nie gewerblich erbringen.


Entscheidend für den Schutz der Kunden oder Klienten ist auch die Gestaltung des Vertrags, der mit dem Kursanbieter geschlossen wird. Wesentliche Bestandteile sind das Ziel der Vertragsdurchführung. Angaben über die angewandten Methoden und deren theoretische Grundlagen, die Qualifikation der Ausübenden, Angaben über Art, Zahl und Dauer der Veranstaltungen und insbesondere Angaben über den Gesamt- bzw. den Einzelpreis pro Veranstaltung sowie in der Ersturkunde des Vertrags die Preise von Folgeangeboten. Die Dachverbände der Wirtschaft sind gefragt, ihren Mitgliedern hierzu nützliche Antworten zu geben.


Ursula Caberta ist Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology bei der Behörde für Inneres in Hamburg und Mitglied der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psycho-Gruppen" im Deutschen Bundestag. Dr. Steven Goldner ist Geschäftsführer der asq! GmbH für Personalentwicklung und Unternehmensberatung und Mitglied bei Sinus e.V. (Sekteninformation und Selbsthilfe in Hessen). Dr. Hansjörg Hemminger ist Weltanschauungsbeauftragter der evangelischen Landeskirche in Württemberg und Mitglied in der Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psycho-Gruppen im Deutschen Bundestag.

Veröffentlicht vom: Handelsblatt am 21./22.03.1997