Steven Goldner gegen Scientology
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Mainfranken 97


Anzeichen für dubiose Angebote?


Wenn im Seminar die Würde des Menschen angetastet wird


Psychologische Seminare sind angesagt und stoßen auf reges Interesse. Besonders nachgefragt - und besonders umstritten - sind Seminare im Bereich der Persönlichkeitsbildung. Doch Vorsicht: Hier tummeln sich auf Seiten der Anbieter Scharlatane und Sekten, die die Seminarteilnehmer in ihrem Sinne beeinflussen, und auch vor deren Privatsphäre nicht zurückschrecken.


"Gerade jüngere Führungskräfte sind häufig bereit, restriktive Seminarregeln strikt zu befolgen. Vermutlich glauben sie, daß dies zu beruflichem Erfolg beiträgt und die Karriere beflügelt", erlebt Dr. Steven Goldner , Geschäftsführer der asq GmbH für Personalentwicklung und Unternehmensberatung. Nebenbei ist er Mitglied der Sekteninformation und Selbsthilfe in Hessen e.V., abgekürzt "Sinus". Zu diesen Regeln gehörten beispielsweise übertriebene Pünktlichkeit, der Gang zur Toilette nur zu festgelegten Zeiten, Schlafentzug und andererseits überlange Arbeitsphasen von bis zu 16 Stunden. Hellhörig sollten Kursteilnehmer auch dann werden, wenn von ihnen die Preisgabe intimster Details des Lebenslaufs oder ihrer "schwachen Punkte" verlangt werde - und dies noch dazu in Gegenwart der anderen Teilnehmer. Seriöse Anbieter werden diese Praktiken nicht anwenden, weil sie um deren manipulativen Charakter wissen. Ihr Ziel ist nicht die Demontage der Kursteilnehmer mit deren anschließendem "Wiederaufbau" zu autokratischen Persönlichkeiten, sondern ihnen schwebt der eigenständige, kommunikative, teamfähige Mitarbeiter vor, der die Meinung anderer respektiert und keinem Schwarzweißdenken verhaftet ist. Von dieser Seite droht also der Psyche durch Seminaristen kaum Gefahr. Wenden wir uns also den schwarzen Schafen innerhalb der Branchen zu. Doch wie kann der Kunde diese erkennen?

Ein seriöser Anbieter kann seine Qualifikation nachweisen, Referenzen vorlegen und seine Vorgehensweise erläutern. Dies gilt allerdings nicht für Anbieter, die Goldner als "Schwarze Pädagogen" bezeichnet. Diese vernebeln häufig alles, was mit dem Kurs zusammenhängt: Dessen theoretisches Rüstzeug läßt sich keiner psychologischen Schule zuordnen, ist meist ein Elaborat verschiedener, teils wissenschaftlich nicht abgesicherter Quellen. Vor Abschluß eines Vertrages sollte der Interessent deshalb das Kleingedruckte besonders gut studieren. Vorsicht ist angebracht, wenn


  • der Veranstalter jegliche Haftung gegenüber dem Kursteilnehmer von vornherein ausschließt,

  • er sich durch Unterschrift die psychische Belastbarkeit der Teilnehmer zusichern läßt,

  • er mit Angaben über den Ablauf des Kurses hinter dem Berg hält,

  • frühere Teilnehmer zum Schweigen vergattert wurden,

  • und kein Wort über die Qualifikation der Kursleiter verloren wird.


Während diese Punkte vor einem Vertragsabschluß geklärt werden können, stößt dem Teilnehmer möglicherweise anderes Ungemach erst vor Ort zu. Generell gilt: Dinge, die man sich im täglichen Leben nicht gefallen lassen würde, weil sie entwürdigend sind, die Freiheit der Person einschränken oder psychisch abhängig machen, sollten innerhalb des Kurses ebenso tabu sein. Dazu gehören Forderungen wie


  • persönliche Dinge (Ausweise, Uhr, Medikamente) abzugeben,

  • sich mit streng reglementierten und kärglichen Mahlzeiten zufriedenzugeben,

  • sich langen Arbeitszeiten mit zu wenig Schlaf oder Ruhepausen zu unterwerfen,

  • keinen Kontakt nach außen aufzunehmen (Briefe, Telefon),

  • andere Kursteilnehmer zu denunzieren, wenn diese gegen Regeln verstoßen,

  • und das Verhalten des Trainers nicht zu kritisieren.


Auch die Lehrgangsmethoden können Kursteilnehmern schaden, so Goldner . Als Beispiele führt er an:


  • hypnotische, Trance - und Meditationsübungen,

  • das "Beichten" intimster Dinge vor Publikum,

  • und das Hineinversetzen in persönliche "Schimmstenfalls-Szenarios."


Gerade, weil sich auf dem hart umkämpften Psychomarkt neben unqualifizierten Anbietern auch Sekten (Stichwort: Scientology) ausbreiten und über diese Schiene ihr Gedankengut an die Frau beziehungsweise den Mann zu bringen suchen - was häufig zu einer Art Gehirnwäsche führt - wurde in jüngster Zeit der Ruf nach einer gesetzlichen Regelung des "Lebenshilfe-Marktes" laut. Vorbild könnte ein im Stadtstaat Hamburg erarbeitetes Gesetz sein, das über eine Bundesratsinitiative dem Deutschen Bundestag als nationalem Gesetzgeber zugeleitet werden soll.

Absicht des Gesetzes ist es, Klienten der Lebenshelfer bei Vertragsabschluß zur Seite zu stehen. Dies betrifft Punkt wie Preise, Leistungen, Dauer, Methoden und Qualifikation der Durchführenden. Man darf gespannt sein, ob sich durch das Gesetz der "Psycho-Dschungel" des Lebenshilfemarktes lichtet.



Veröffentlicht in: Wirtschaft in Mainfranken im April 1997