Steven Goldner gegen Scientology
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TU München

TU Report - Buchkritik


Nicht nur für Leseratten: Univ.-Prof. Dr. Gerald L. Eberlein, Ordinarius für Soziologie der TU München, verfasste eine aktuelle Buchkritik zum Titel "Scientology im Management".

Die Autoren – Leiter Werbung eines Industrieverbandes und Unternehmensberater im Personalbereich – stellen Scientology erstmals in Deutschland nicht als Religion, sondern als Methodik dar. Sie zeigen zunächst auf, wie Scientology als psychologisches Verfahren der "Gedankenreform" zu Persönlichkeitsveränderungen und Selbstmanagement im Rahmen einer "totalitären Organisation" zielführend eingesetzt wird, um Einstellungen von Akzeptanzbereitschaft bis Gehorsam mittels zum Teil auch psychotherapeutisch angewandter Verfahren zu erreichen. Dabei werden die wichtigsten scientologischen Namen und Begriffe (leider mit Ausnahme von "Ethik", obgleich mehrfach im Text erwähnt) ebenso eingeführt wie das Auditing als Kern der Hubbard-Technologie. Auch die wichtigsten "Scientology-Abkömmlinge" Lifespring und EST-Landmark Education werden kurz berücksichtigt, ebenso weitere neue religiöse beziehungsweise psychoreformierende Bewegungen wie Universelles Leben und Verein für Psychologische Menschenkunde.

Das dritte zentrale Kapitel fragt nach dem wirtschaftlichen Erfolg mit Scientology: Hier weid die Hubbard-Technologie als Management-Verfahren kritisch geprüft, und zwar an konkreten, jedoch anonymisierten überwiegend deutschen Beispielen. Es ergeben sich sowohl betriebswirtschaftliche Ineffektivität wie auch möglicher psychosozialer Schaden dieser Technologie in Wirtschaft und Gesellschaft. Anschließend wird auf die (relativ gering bewertete) politische Gefahr, umsichtig aber auch auf das andere Extrem: Verdacht, Gerücht und Rufmord durch organisierte fanatische Scientology-Gegner hingewiesen. Im weiteren Kapitel "Selbsthilfe und Schutz im Betrieb" werden Merkmale und Checklisten totalitärer Methoden allgemein wie auch scientologischer entwickelt, um bei Führungspersonen, Mitarbeitern und Kunden Träger totalitärer Technologien zu diagnostizieren.

Das letzte Hauptkapitel "Erlösung von den Erlösern: Was passiert? Was fehlt?" appelliert an Konsens und Solidarität in der deutschen Wirtschaft. Weiter wird ein konkretes, wenngleich derzeit leider utopisches Gesamtkonzept gesellschaftlicher Rehabilitation entwickelt, während die heute allein wirksame Betreuung durch Berater abgelehnt wird.

Besonders wichtig in der heutigen internationalen Diskussion sind "Grenzen der Toleranz". Ausgehend davon, dass neue religiöse und kommerzielle persönlichkeitsverändernde Organisationen sich auf die grundgesetzlich garantierte Glaubensfreiheit berufen, jedoch unter Umständen die geistig-seelische Unversehrtheit beeinträchtigten, wird immer eindringlicher ein "Lebenshilferecht" gefordert, ähnlich wie im Heilpraktikergesetz. Ein derartiges Gesetz hätte zu regeln: Ausbildungsanforderungen, Lebenshilfe nur durch natürliche, nicht juristische Personen; Regelungen über Geschäftsanbahnungen und Vertragsende sowie ein Verbot von Lizenzverträgen für Psychotechniken bzw. Prüfverfahren für derartige Methoden, analog dem TÜV beziehungsweise Vorgehen der Stiftung , um Qualität, Unbedenklichkeit und Wirksamkeit von Lebenshilfe-Technologien zu garantieren. In einem Wort: Glaubensfreiheit ja, Freiheit technologischen Glaubenshandelns nein.

Obgleich die internationale religionswissenschaftliche und –soziologische Erforschung neuer geistiger Bewegungen unberücksichtigt bleibt, dürfte dieses Buch vorerst die maßgebliche deutsche Veröffentlichung zum Thema Scientology bleiben.

(A. Christ, S. Goldner : Scientology im Management, Düsseldorf; ECON 1996, 319 S., 39.80 DM)

Veröffentlicht von: Mitteilungen der TUM, Ausgabe 4 (95/96) im Juli 1997