Steven Goldner gegen Scientology
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Journal Ffm 96


Die Profit-Sekte


Geld machen, mehr Geld machen, andere dazu bringen, noch mehr Geld zu machen: Das Unternehmens-Konzept von Scientology geht auf. Religion? Längst ist die Psycho-Organisation auf dem Weg zum Konzern. Die Geschäfte rotieren – in fast allen Branchen. Eine Profit-Sekte macht Kasse.


Ein Report von Stefan Müller und Erik Prenzel


Wer nicht ins Straflager geschickt werden kann, wird öffentlich diffamiert. Am liebsten im hauseigenen Magazin "Freiheit" (Untertitel: "Journalismus im Interesse der Öffentlichkeit") geht es den Gegnern an den Kragen. Kritiker wie Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) und die Hamburger Leitering der Senats-Arbeitsgruppe "Scientology" Ursula Caberta (SPD) werden darin verunglimpft und an den Pranger gestellt. Die angebliche "Hetzkampagne" der deutschen Öffentlichkeit wird mit Nazimethoden verglichen: "Das Klima, da


s die Gemeindemitglieder heute in Deutschland erleben, ist durchaus mit dem vergleichbar, dem sich die Juden in der Zeit vor dem Holocaust in den frühen dreißiger Jahren ausgesetzt sahen." Starker Tobak. Aber für Propagandazwecke sind – ganz im Interesse der eigenen Öffentlichkeit – nun mal alle Mittel erlaubt, auch wenn sie noch so zynisch und haarsträubend sind. Der gängige Trick: Täter stilisieren sich als Opfer.


Welche Firmen sind bereits von Scientology unterwandert? Keiner weiß es genau. "Der graue Markt ist sehr groß", weiß Lutz Lemhöfer, Gründungsmitglied von SINUS und Frankfurter Sektenbeauftragter der katholischen Kirche. "Es gibt auch keine Liste seriös/unseriös." Das macht die Suche schwierig. Wie es sich für einen erfolgreichen Konzern gehört, gibt es viele Nachahmer. Nach Lemhöfers Auffassung ist der durchorganisierteste Anbieter die Firma Landmark Educations GmbH. Sitz: Kölner Strasse, Gallusviertel. Landmark macht keine Werbung und schaltet keine Anzeigen. Alles läuft über Freunde und Bekannte ab, die euphorisch von "Durchbrüchen" und "Projekten" berichten. Landmark-Gründer Jack Rosenberg (er nennt sich mittlerweile Werner Erhard) hat früher Scientology-Kurse besucht. So braute er ein Psycho-Training namens "EST" zusammen, das seit 1984 unter dem Seminartitel "Forum" angeboten wird.

Der Frankfurter Student Jan Pabstmann (Name von der Redaktion geändert) kam über einen Freund zum "Landmark-Gästeabend" in einem Sulzbacher Hotel. Der Vortrag der Kursleiterin erschien Pabstmann als ein "krudes Gemisch aus allerlei Philosophien". Wenn es nach dem Willen eines Kommilitonen gegangen wäre, hätte Pabstmann sofort den Teilnahmeantrag unterschrieben.

Wochenlang kannte sein Bekannter kein anderes Thema mehr. Schließlich stellte sich heraus, dass er mittlerweile für Landmark als "Assistent" tätig war. "Vom Teilnehmer wird man sehr schnell zum Co-Trainer", weiß Sektenexperte Lemhöfer. Geld gibt es dafür allerdings nicht.


Auch für die Frankfurter Autoren Angelika Christ und Steven Goldner trägt der Kursus "alle Zeichen eines modernen Psycho-Kultes, der mit raffinierten Methoden Menschen einfängt". Beispielsweise solch "grundlegende Wahrheiten", dass "der Mensch ein unsterbliches geistiges Wesen" ist und "seine Erfahrung weit mehr als ein einziges Leben" umfasst. Schöne neue Welt – Seit’ an Seit’ mit Scientology.

Im Business geht’s nicht immer ganz so harmonisch und "clear" zu: Inzwischen mögen sich Scientology und Abkömmling Landmark nicht mehr. Beide Firmen werfen sich gegenseitig Verrat und Intrige vor. Frisst die Psycho-Revolution ihre Kinder? Die Hoffnung ist vergebens. Das ungeschützte Patent von der wundersamen Geldvermehrung inklusive "geistiger Erlösung" verbreitet sich – neuerdings weltweit via Internet – rasant: in alle Branchen, in jede Stadt. Denn der Umsatz ist garantiert: hochmotivierte Mitarbeiter, skrupellose Machenschaften. Nur die Deckmäntelchen ändern sich.


Eine Chance zur Entlarvung? Psychologe Goldner weiß Rat. Mit Kollegin Christ hat er einen sicheren Erkennungstest für Scientology-Firmen entwickelt. Neue Mitarbeiter oder Geschäftspartner sollen eine Klausel in den Arbeitsvertrag aufnehmen, in dem sie versichern, nicht nach den Technologien des Sekten-Gründers Hubbard zu arbeiten. Goldner : "Das ist ein sehr gutes Trennmittel. Scientologen unterzeichnen so was nicht."

Scientology im Management“, Angelika Christ / Steven Goldner , ECON Verlag 1996, 39,80 DM




Veröffentlicht von: Journal Frankfurt, am 26.01.1996