Steven Goldner gegen Scientology
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Mancher Trainer will unterwandern, nicht unterweisen


Auf dem Weg zu wirtschaftlicher Macht drängt Scientology in den Mittelstand. Checklisten helfen, Personalberater und Trainer als Agitatoren zu entlarven. Kenner der Szene warnen jedoch davor, über Scientology ähnliche, nicht weniger gefährliche Organisationen zu vergessen.


HANDELSBLATT, Donnerstag, 30.11.95

"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sich Scientologen in Unternehmen meist selbst outen“, erklärt ein Personalleiter. "Auf dem Schreibtisch des betreffenden Mitarbeiters fanden wir eines Tages ein Flugblatt mit dem Copyright L. Ron Hubbard.“ Ein Versehen war das nicht: Die Anhänger des inzwischen verstorbenen Science-Fiction-Autors Hubbard, der 1954 in den USA die Scientology 'Church' gründete, haben den Auftrag, immer und überall für ihr totalitäres System zu werben.

Die Gefahr, die von Scientology ausgeht, ist erkannt. Seit Jahren häufen sich Berichte über Psychoterror und finanzielle Ausbeutung. Scientology gibt die Zahl seiner Mitglieder mit weltweit acht Millionen an, Aussteiger Robert Vaughn Young spricht von nur 60.000. In Deutschland will die Organisation, die nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts von 1994 keine Kirche, sondern ein Wirtschaftsunternehmen ist, 30.000 Mitglieder haben. Experten halten eine Zahl unter 10.000 für wahrscheinlich.

Ziel ist die Weltherrschaft. "Wer jetzt lächelt, unterschätzt Scientology“, sagt der Sektenbeauftragte einer evangelischen Einrichtung in Hessen. "Die meinen das ernst.“ Unterwegs zur Weltherrschaft versucht die Hubbard-Gemeinde, in der Wirtschaft Fuß zu fassen. Das Referat Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche im Rheinland, Düsseldorf, warnt vor Beratungs- und Bildungsunternehmen, die mit scientologischem Gedankengut hausieren. Auch Geschäftspartner, Kunden, Bewerber kommen als Agitatoren in Frage.

In jedem Scientologen steckt zwar ein Missionar, der sich irgendwann als solcher zu erkennen gibt, dies jedoch nicht, bevor der Beratungs- oder Arbeitsvertrag unterschrieben ist. Große Unternehmen haben ihre Sicherheitsbeauftragten, um Verdachtsmomenten nachzugehen. In vielen Fällen erübrigt sich auch eine gezielte Recherche. "Wir würden es merken, wenn ein Trainer versuchte, scientologisches Gedankengut einzuschleppen“, erklärt die Leiterin Personalentwicklung eines Kreditinstituts. "Meine Kollegen und ich besuchen regelmäßig Maßnahmen, die von Externen durchgeführt werden. Außerdem bestimmen wir die Inhalte und Methoden, nicht die Trainer.“

In kleinen und mittleren Unternehmen ist das meist anders: Wo keine strategische Bildungsarbeit stattfindet und der Inhaber aus dem Bauch entscheidet, welches Seminar seinen Mitarbeitern gut tut, haben Verführer leichtes Spiel. Kein Wunder, dass der Mittelstand bevorzugtes Ziel der Scientologen ist, wie die Südwestfälische Industrie- und Handelskammer zu Hagen weiß.

Information und Beratung zum Thema Sekten bieten kirchliche Stellen, freie Initiativen wie Sinus e.V. – Sekteninformation und Selbsthilfe Hessen/Thüringen, die Innenministerien der Länder sowie Polizei und Verfassungsschutz. Das Institut der deutschen Wirtschaft, Köln, hat 1994 eine Checkliste veröffentlicht, die helfen soll, Sektierer unter den Anbietern betrieblicher Weiterbildung zu erkennen. Wichtigste Punkte:

  • Verdächtig sind Seminarprogramme, die auf eine umfassende Veränderung der Persönlichkeit abzielen. Die Anbieter versprechen ungewöhnlich schnelle und große Erfolge. Die Trainingsziele haben wenig mit den Zielen des Kunden zu tun.

  • Totalitäre Sekten predigen Drill und Strenge. Das wirkt sich auf die von diesem Umfeld geprägten Bildungsveranstaltungen aus. Ein Alarmsignal ist, wenn Teilnehmer klagen, sie hätten Mühe, das Training seelisch zu verkraften.

  • Oft werden Folgeseminare angepriesen die zu Abschlüssen – zum Beispiel "Meister“ – in einer wirtschaftsfremden Nomenklatura führen. Die Einladung ergeht ausdrücklich auch an den Ehepartner. Teilnehmern werden Bücher, Kassetten und Videos zu überhöhten Preisen angeboten.


Eine erweiterte Checkliste enthält das im November erschienene Buch "Scientology im Management". Was den Umgang mit Trainer betrifft, orientieren sich die Autoren, die Sinus-Vorsitzende Angelika Christ und ihr Mann Steven Goldner , an den Empfehlungen des iw. Betont wird der Verdachtsmoment "Intransparenz": Sekten-bewegte Trainer verweigern konkrete Auskünfte über ihre Methode. "Das kann man nicht erklären, das muss man erleben“, blocken sie ab.

Die Checkliste von Christ und Steven Goldner berücksichtigt auch andere Personengruppen wie Personalberater. Einige Auswahlkriterien verstehen sich von selbst: angemessener beruflicher Werdegang, mindestens dreijährige Erfahrung in der Personalberatung, seriöse Referenzen. Spezifischer sind die folgenden Punkte:

  • Wie wird der Beratungserfolg gemessen? Ein Berichtswesen, das belangslose Statistiken am laufenden Band produzierten, ist Scientology-typisch.

  • Welchen Eindruck macht die Art der Akquisition? Das Sendungsbewusstsein der Sektierer lässt sie oft anmaßend und bei Widerstand vorwurfsvoll auftreten. Die Zahl der Kontakte ist hoch.

  • Benutzt der Berater ein ungewöhnliches Vokabular? Scientologen etwa sprechen von Dianetics, Hubbard-Technologie oder U-Man Test. Unbekannte Begriffe sollten sofort hinterfragt werden.


Das sicherste Merkmal von Personalberatern, die ihre Kunden mit sektiererischem Gedankengut – und Mitgliedern der eigenen Fraktion unterwandern wollen, sind Qualitätsmängel in der Dienstleistung. Stellenanzeigen werden ohne Rücksicht auf das Anforderungsprofil formuliert, die Bewerberauswahl erfolgt über einen Persönlichkeitstest, der tätigkeitsferne und unzulässige Fragen enthält. Der Auftraggeber kann die Chance nutzen, den Bewerber im Vorstellungsgespräch nach seinen Erfahrungen mit dem Personalberater zu fragen. Hat der Berater versucht, Psycho-Kurse zu verkaufen, ist höchste Vorsicht geboten. Wo Personalsuche und –auswahl professionell betrieben werden, finden Anhänger totalitärer Organisationen nur selten ein Schlupfloch. Trotzdem ist kein Unternehmen sicher vor falschen Propheten – auch nicht auf Seiten der Geschäftspartner. Wer das Risiko verringern will, kann eine Distanzierungserklärung verlangen. Sie sollten in Bezug auf Scientology vier Punkte enthalten, empfehlen Angelika Christ und Steven Goldner . Der Unterzeichnende erklärt,

  • Nicht nach der Hubbard-Technologie zu arbeiten, sondern sie abzulehnen,

  • Keine Schulungen nach dieser Technologie zu besuchen oder dafür zu werben,

  • Nicht Mitglied der International Association of Scientologists zu sein,

  • Eine Vertragsstrafe zahlen zu wollen, falls sich eine dieser Aussagen als unwahr herausstellt oder in Zukunft verletzt wird. Die fristlose Kündigung des Vertrags wäre die Folge.


Bestätige sich der Scientology-Verdacht, bestehe allenfalls eine Ein-Prozent-Chance, die betreffende Person "umzudrehen“. Angelika Christ und Steven Goldner raten dringend davon ab, sich als Psychiater zu versuchen. Besser sei, die Verbindung auf juristischem Weg zu lösen. Es gibt bereits ein Urteil, wonach Arbeitnehmer entlassen werden können, wenn sie am Arbeitsplatz missionieren.

Scientology ist nicht die einzige Sekte, die deutsche Unternehmen zu vereinnahmen versucht. Angelika Christ betont, dass im Schatten der Hubbard-Gemeinde ähnliche Organisationen bestehen: "Langfristig haben die vielleicht ein noch größeres Entwicklungspotential.“ Unternehmen, die sich freuen, den Haupteingang gegen Scientology verbarrikadiert zu haben, werden womöglich im selben Moment durch den Hintereingang von Landmark Education, Zeugen Jehovas, Mun oder dem Universellen Leben besucht – Organisationen, die Christ im Sektenumfeld ansiedelt.

Führungskräfte und Unternehmer brauchen Distanz zu ideologisch angehauchten Beratungs- und Trainingsansätzen. Sie dürfen aber nicht in das Extrem verfallen, in jedem Büro einen Scientologen zu wittern. Ein nachlässig geäußerter Verdacht hat schon manche Laufbahn zerstört. Christ erinnert sich an ein Gespräch, das sie mit einem Werkschutzbeauftragten geführt hat: Er war 150 Verdachtsfällen nachgegangen. In einem einzigen Fall konnte er beweisen, dass Scientology im Spiel war. Christoph Stehr



Veröffentlicht von: Handelsblatt am 02.12.1995